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Sina Herrmann ist Projektleiterin „Klimaschutz und Nachhaltigkeit im Museum“ beim Deutschen Museumsbund (DMB). Wir haben uns zum digitalen Austausch getroffen, um über ihre Arbeit, ihr Klimatier und das Projekt des DMB zu sprechen.

Im digitalen Format sprechen wir über Museen und Klimaschutz.

Magst Du dich selbst vorstellen? Wie bist Du beruflich zum Thema Nachhaltigkeit gekommen?

Nachdem ich Kunstgeschichte und Kulturmanagement studiert habe, war ich Volontärin im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg, das von der Stiftung Kunst und Natur getragen wird. Dort war ich unter anderem an der Konzeption von Ausstellungen beteiligt, die sich auch mit dem Thema Klimaschutz beschäftigt haben. Aus der inhaltlichen Auseinandersetzung heraus haben wir uns im Museum dann gefragt: Warum sprechen wir davon, aber handeln nicht danach? So habe ich mich verstärkt damit auseinandergesetzt, was Museen aktiv zum Klima- und Umweltschutz beitragen können und war bei der Gründung einer stiftungsinternen Nachhaltigkeits-AG dabei.

In dieser Zeit hatte ich zudem die Möglichkeit, beim ersten Forum des Aktionsnetzwerks Nachhaltigkeit teilzunehmen, bei dem Akteur*innen aus dem Bereich Kultur ihr Engagement im Bereich Nachhaltigkeit vorgestellt haben. Ich fand es beindruckend, was schon gemacht wird und habe aber auch gemerkt: Der Museumssektor ist bisher nur sehr spärlich vertreten – hier gibt es was zu tun!

Daraufhin habe ich Weiterbildungen zur Transformationsmanagerin und zur Nachhaltigkeitsmanagerin gemacht und bin jetzt sehr glücklich, die Leitung für das Projekt Klimaschutz und Nachhaltigkeit im Museum beim Deutschen Museumsbund übernehmen zu können.

 

Welche Ziele verfolgt das Projekt?

In einem ersten Schritt geht es darum, mit einer Arbeitsgruppe aus Museumsfachleuten und Expert:innen aus dem Bereich Betriebsökologie einen Maßnahmenkatalog zu entwickeln, wie Museen ihren Beitrag zur Klimaneutralität und zum Umweltschutz leisten können. Hierbei ist es wichtig, dass die Handlungsempfehlungen für alle Museen umsetzbar sind – je nach Lage, Gattung und Größe. Eventuell kommen noch praktische Tools hinzu, wie zum Beispiel eine Nachhaltigkeitsstrategie im Unternehmen implementiert werden kann, um Museen aktives Handeln zu ermöglichen. In die Entwicklung des Maßnahmenkatalogs binden wir auch Vertreter*innen aus der Politik und Trägerschaften, die Museen finanzieren, mit ein, um zu überlegen, wie die Maßnahmen umgesetzt werden können.

Aufbauend auf den Maßnahmenkatalog denken wir in einem zweiten Schritt über ein Zertifizierungsmodell nach und darüber, wie dieses politisch integriert werden könnte. Das Wichtigste dabei ist, dass Museen aktiv ins Handeln kommen und dabei ihre Arbeit in höchster Qualität weiterführen können. Hierbei möchten wir die Museen unterstützen.

Das Projekt erstellt einen Maßnahmenkatalog und gibt Museen praktische Arbeitshilfen an die Hand, regt ein Zertifizierungsmodell an und soll Perspektiven für einen Weg in eine nachhaltige Zukunft der Museen aufzeigen. (Bild vom DMB)

Was sind für dich Idealvorstellungen oder Zielvorstellungen von einem nachhaltigen Museum?

Ah, da kann man visionär denken!

Das Museum hat seine Möglichkeiten im Hinblick auf CO2-Neuralität ausgeschöpft, indem es beispielsweise eine Solaranalage auf dem Dach hat. Es begrünt zudem seine Freiflächen, fördert damit die Biodiversität und hat vielleicht eine Wandbegrünung, durch die CO2 aufgenommen werden kann.

Das Museum nutzt keine umweltschädlichen Materialien und gibt keine neue Ausstellungsarchitektur in Auftrag, sondern arbeitet mit wiederverwendbaren, modularen Systemen. Die Materialien, die es verwendet, landen nicht in der Tonne, sondern werden weiterverwendet oder korrekt recycelt. Es hinterfragt seine Ausstellungsfrequenzen – je weniger Ausstellungen desto weniger Ressourcenverbrauch und Emission.

Das Museen spricht alle Gruppen der Bevölkerung an, indem es zum Beispiel Communities und Netzwerke zusammenbringt, Diskussionen fördert und dazu anregt, sich gesellschaftlich einzubringen. Es pflegt selbst sektorübergreifende Netzwerke, zum Beispiel im Bereich Kreislaufwirtschaft oder der Energie- und Verkehrsbranche. Es tauscht sich mit Expert*innen auf dem Gebiet aus und setzt auch selbst Impulse, indem es sich zum Beispiel für die Verkehrs- oder Energiewende einsetzt. Es kann somit einen wichtigen Beitrag für die nachhaltige Transformation der Gesellschaft leisten!

 

Wie stehen die Aufgaben von Museen im Verhältnis zu Nachhaltigkeit?

Museen handeln per se nachhaltig, da sie Kulturgut für die Zukunft bewahren und ausstellen. Durch dieses Handeln entstehen allerdings Emissionen, beispielsweise durch Klimatisierung oder Objekttransporte. Hier kann und muss man Lösungen und Kompromisse finden. Es geht darum, ganz aktiv die Katastrophen, die durch den Anstieg der globalen Temperatur kommen werden und durch die natürlich auch die Sammlungen der Museen direkt gefährdet sind, zu reduzieren.

Auch sind sie als Bildungsorte in der Lage, Visionen und Impulse einer besseren Zukunft in die Breite zu tragen und sich aktiv an gesellschaftlichen Diskursen zu beteiligen. Durch ihre hohe Glaubwürdigkeit haben Museen einfach eine tolle Möglichkeit, Mittler einer nachhaltigen Transformation zu werden.

 

Museen sind sehr unterschiedlich. Zeigt sich das auch in der Arbeit am Projekt?

Bei der Zusammenstellung der Arbeitsgruppe war es wichtig, dass sich die Vertreter:innen der Museen aus verschiedenen Museumsgattungen – wie Kunstmuseen, naturkundliche, technische, kulturhistorische, historische Museen usw. – aus verschiedenen Größen und aus den verschiedenen Bundesländern zusammensetzen. Hierdurch wird gewährleistet, dass die Ergebnisse des Projekts für alle Museen gelten.

Je nach Größe, Gattung und Lage ergeben sich andere Probleme, aber auch andere Möglichkeiten. Zum Beispiel hat die Stiftung preußischer Kulturbesitz mit ihren 17 großen Museen zwei Nachhaltigkeitsbeauftragte fest eingestellt, was strategisch gesehen großartig ist, da das Thema jetzt auch personell verankert ist und fokussierter bearbeitet werden kann. Aber auch das eher kleine Spielzeugmuseum in Nürnberg engagiert sich schon viel. Emissionstechnisch haben sie keinen großen Fußabdruck und können hier also nicht so viel machen. Sie haben daher ihre komplette inhaltliche Ausrichtung auf die  Nachhaltigkeitsziele (SDG) ausgerichtet, um eben den Beitrag leisten zu können, der im Rahmen ihrer Möglichkeiten liegt. Es gibt also viele Wege, nachhaltig im Museum zu handeln.

UN-Nachhaltigkeitsziele: Die Vereinten Nationen haben 2015 in der Agenda 2030 17 globale Ziele für eine ganzheitliche nachhaltige Entwicklung beschlossen. Ziel ist es, diese Ziele bis 2030 zu erreichen.

 

Nachhaltigkeit ist ein Trendthema – Chance oder Risiko für Museen?

Nachhaltigkeit ist immer eine Chance. Noch können wir viel selbst gestalten und Wege finden, wie wir die Museen in eine klimaneutrale Zukunft bringen können und wollen. Irgendwann aber werden sich politische Forderungen nicht mehr nur auf die großen Industriesektoren konzentrieren, sondern auch von der Kultur erwarten, klimaneutral zu werden. Die Möglichkeit, den Wandel jetzt selbst gestalten zu können, ist auf jeden Fall eine Chance, die wir durch das Projekt nutzen können.

 

Welchem Klimatier fühlst Du Dich am nächsten?

Am ehesten der Biene: Ich sehe mich als kleinen Teil eines großen Prozesses. Manchmal fühle ich mich auch wie ein aufgescheuchtes Huhn: Ich will am liebsten direkt die ganze Welt ändern, aber man hat nur kleine Flügel. Deshalb die Biene: Man kann in seiner Wabe machen, was man eben machen kann. Und das mit Überzeugung, Durchhaltevermögen und viel Motivation, dann wird das auch was.

In ihrer Wabe ist Sina Herrmann als Projektleiterin beim Deutschen Museumsbund voll aktiv.

Interview geführt von: Swenja Hoschek ist wissenschaftliche Volontärin am Museum für Kommunikation Frankfurt. Sie isst gerne vegan, aber Crêpes durchkreuzen diesen Plan zuweilen.